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Wien, 1. April 2013
MEIN PHANTOM, MEIN ELEND, UND ICH
Freddie Kräftners Notizen von der Sachwalter-Front.
Vielleicht war es ein zynischer Moment, vielleicht ein seltener Anfall von Galgenhumor, als ich vor einem Jahr für das Branchenmagazin Journalist schrieb: „Ich danke Wolfgang Kräutler, der mich nun besachwaltet, aber nicht bevormundet.“ Möglicherweise war ich aber auch nur dumm und naiv. Die Realität ist nämlich ziemlich brutal: Ich gehöre zu jenen gar nicht wenigen, die ihren Sachwalter so gut wie nie zu hören und zu sehen bekommen. „Zumindest“ einmal im Monat sollte es persönlichen Kontakt geben, so steht es in einer schlanken Broschüre des Justizministeriums. Praktisch ist das nicht der Fall – mein Sachwalter, ein Phantom.
Einmal gab es ein Treffen, im September des Vorjahrs. Nach dringender Urgenz sah ich ihn im Jänner ein weiteres Mal. Unkonzentriert war er, fahrig, nicht wirklich gut drauf. Aber warum habe ich eigentlich einen Sachwalter? Die Sache ist relativ simpel: Als Folge jahrzehntelangen schleichenden und sich steigernden Alkoholmissbrauchs wurde eine möglicherweise irreversible Schädigung jener Hirnregion diagnostiziert, die für das Gedächtnis verantwortlich ist. Frontale Hirnatrophie nennen das die Ärzte.
Angeregt wurde die Sachwalterschaft von der Wiener Rudolfstiftung, in die ich nach einem Zusammenbruch eingeliefert worden war. Ich hatte mich gut eine Woche lang quasi nur flüssig ernährt. Zwecks Begutachtung lernte ich im Frühjahr 2011 den aus den Gerichtsseiten bekannten Psychiater Karl Dantendorfer kennen, eine ausnehmend sympathische Person. Er war bass erstaunt. Für gewöhnlich wehrt man sich gegen die „Entmündigung“, wie sie landläufig immer noch heißt. Ich war schwer für einen Sachwalter: endlich jemand, der sich um all das Chaos vor allem finanzieller Natur kümmert, mir die lästigen Amtswege – Finanzamt! – abnimmt, der sich auskennt im Formulardschungel und selbstverständlich Bescheid weiß über all die Förderungen und Unterstützungen, an denen der wild wuchernde Sozialstaat angeblich zugrunde zu gehen droht.
Denkste! Um eine längst fällige Kur am wunderbaren Neurologischen Zentrum Rosenhügel in Wien habe ich mich zusammen mit meinem Hausarzt selbst gekümmert (für medizinische Belange ist der Sachwalter freilich nicht zuständig, das sei der Ordnung halber erwähnt); und die Steuer (Jahresausgleich wegen Alimenten) erledigte die Expertin der einzig verbliebenen Freundin. Sie ist auch die Einzige, die mich regelmäßig am Wochenende zum Essen einlädt. Wo sind all die Menschen hin, wo sind sie geblieben?
Dass mein Phantom gar einmal in der Wohnung vorbeigeschaut hätte – von wegen. Einen Installateur hat er wenigstens vorbeigeschickt. Die Therme nervt freilich immer noch mit Fehlermeldungen: „Abgasklappe schaltet nicht“, das klingt irgendwie beunruhigend, es gibt freilich keine; und „Flammenausfall während des Betriebs“ ist lästig, wenn man in der Früh gern duscht. Und man hat es auch nicht gern kalt, wenn man im Winter am Abend nach Hause kommt.
Ich mag partiell vergesslich sein, weshalb die Sachwalterschaft von ärztlicher Seite auch angeregt wurde – debil oder senil aber bin ich, so hoffe ich zumindest, nicht. Ich schaffe meinen Alltag, helfe ehrenamtlich in einer großen Pfarre (acht Priester) mit einer sehr toughen Kanzleichefin und üppigstem Gruppenleben aus und führe penibel Notizen. Nicht selten steht da: „Keine Antwort SW …“. Ich bin freilich kein Einzelfall. Julia Herrnböck schrieb kürzlich im Standard: „Tatsächlich signalisieren tausende Beschwerden über nicht erreichbare Sachwalter, miserable und unwürdige Betreuung bis hin zu Delogierungen, weil Mieten nicht überwiesen wurden, ganz deutlich den Reformbedarf.“ Auch der ORF-„Volksanwalt“ hat sich vor kurzem dieses Themas angenommen.
Was tut er eigentlich, mein Sachwalter? Er hortet meine bescheidene Pension von 945,60 Euro im Monat. Mittlerweile hat sich daraus (Stand Anfang März) ein Guthaben von 3.548,22 Euro angesammelt. Als Ausgaben genehmigte er mir für den Valentinstag beachtliche 15 Euro. Für das Weihnachtsgeschenk meiner Tochter ließ er gar 30 Euro springen. Leider dürfte ihm – apropos Gedächtnis – entfallen sein, dass sie auf einem Schulaustauschjahr in Kanada ist und allein das Porto für ein Minigeschenk die Hälfte des Betrags verschlungen hätte.
Meine Ex-Frau hat dankenswerterweise mein Präsent zusammen mit dem ihren versandt. Gäbe es nicht diese Hilfe von anderer Seite, um meine Infrastruktur wäre es verheerend bestellt. Mein Bruder schenkte mir seinen alten Laptop und zum Geburtstag einen Drucker. Die Webcam für die Kommunikation mit meiner Tochter besorgte dankenswerterweise die Heimhilfe – wir haben das Geld vom Essensbudget abgezweigt. Apropos Heimhilfen: Die wunderbaren Damen der Caritas Socialis sind ob meines Sachwalters sprach- und fassungslos. Die haben wahrlich einiges erlebt und – bei aller Diskretion – dementsprechend viel zu erzählen. Einmal in der Woche gehen sie mit mir auch einkaufen. Wenn dazwischen etwas ausgeht oder fehlt: Pech gehabt. Ich lebe bargeldlos.
Um nicht vollkommen verzweifelt in meiner Wohnung sitzen zu müssen, haben mir meine Eltern freundlicherweise ein Konto in einem Kaffeehaus eingerichtet. So kann ich wenigstens bei einem kleinen Braunen meine geliebten Zeitungen lesen und komme ein bisschen unter die Leute.
„Leider ist nicht wirklich Platz für einen Kaffeehausbesuch“, hatte die Sekretärin des Phantoms zuvor auf eine Taschengeldbitte geantwortet. Eigentlich war mit ihm anderes besprochen – ich habe ja meine Notizen. Zeitungen wurden auch nicht bewilligt. Die Eltern schenkten mir daraufhin ein Krone-Abo. Und dankenswerterweise pushen Blätter wie Standard und Wirtschaftsblatt gelegentlich mit Gratisaktionen ihre Leserzahlen.
Dafür nervt die Sekretärin des Phantoms mit Mails, in denen sie etwa schreibt: „Gleichzeitig hat sie (die Heimhilfe, Anm.) mich informiert, dass diesen Monat schon eine Osterkerze um 12,50 Euro im ,Extrabudget‘ ist. Dies hat mich insbesondere deshalb gewundert, weil Ostern erst Ende März ist.“ Dass Osterkerzen zu Beginn der Fastenzeit geweiht werden und sie das nicht weiß, sei ihr nachgesehen. Wenn ich mich auch darüber noch ärgern würde … Dass freilich selbst die ureigensten Sachwalter-Angelegenheiten brachliegen, ist mehr als ärgerlich.
Selbstredend ist der Steuerausgleich für 2011 noch nicht eingereicht worden –eigentlich eine Pipifax-Angelegenheit. Apropos Finanzamt: Den Exekutor sehe ich dank Sachwalters des Öfteren. Das Finanzamt glaubt immer noch, dass ich arbeite, und lässt Vorauszahlungen eintreiben. Es dürfte nicht darüber verständigt worden sein, dass ich mittlerweile eine Pension beziehe. Das Finanzamt wusste gar nichts von der Sachwalterschaft – er hat wahrscheinlich vergessen, die wichtigsten Ämter zu informieren. Das sollte und dürfte nicht passieren.
Anmerkung der Redaktion:: Das wäre die Aufgabe des Pflegschaftsgerichts.
Ganz unschuldig an meinem Elend mit dem Phantom bin ich freilich nicht. Ich lag im Otto-Wagner-Spital, als mir die Bestellung eines Sachwalters zugestellt wurde. Angeregt von einem Spital, in das ich vollkommen geschwächt und entkräftet eingeliefert worden war, und mit schweren Medikamenten sediert, wurde mir die Bestellung eines mir Wildfremden mitgeteilt. In Panik rief ich daraufhin nach dem Erstbesten, der mir einfiel. Dieser Anwalt, mein jetziges Elend, hatte einmal meine Mutter vertreten, die auf einem Parkplatz völlig unschuldig überrollt wurde. Vertreten ist eigentlich schwer übertrieben: Die gegnerische Versicherung bot – das Langzeitgedächtnis funktioniert immer noch tadellos! – von sich aus deutlich mehr an, als er verlangen wollte.
Ich hätte damals im Otto-Wagner-Spital nicht in Panik verfallen sollen. Der Wildfremde zählt, wie ich mittlerweile herausgefunden habe, zu den fähigsten und engagiertesten Sachwaltern der Stadt. Er hat etwa fixe Sprechstunden für die ihm Anvertrauten. Das Phantom zu erreichen ist hingegen ein nervenstrapazierendes Geduldsspiel. Als ich vor Monaten von tagelanger Appetitlosigkeit geschwächt durch einen Notarzt, den meine Ex-Frau gerufen hatte, ins Spital eingeliefert wurde, hat er sich selbstredend nicht gemeldet. Das war formal korrekt – er ist ja nur für rechtliche und finanzielle Belange zuständig, nicht für medizinische. Die menschliche Seite aber möge der Leser selbst beurteilen. Und von den großen Fragen will ich lieber ganz schweigen. Wo werde ich zum Beispiel in Zukunft wohnen? Die Miete für meine geliebte Altbauwohnung ist höher als die Pension und wurde seit gut zwei Jahren nicht bezahlt, die Hausverwaltung ist nun leider aufgewacht. Das Ergebnis ist absehbar. Wie es mit mir weitergeht, steht in den Sternen.







